Romería

16.04.2026

Romería

Die 18-jährige Marina fährt im Jahr 2004 nach Vigo an der nordwestspanischen Atlantikküste. Sie plant, in Barcelona Film zu studieren, und benötigt für ein Stipendium den Nachweis über die Identität ihres Vaters, der aus Vigo stammte. In jener Region haben seinerzeit Marinas Eltern gelebt, die sich aber früh getrennt haben und beide jung gestorben sind, so dass Marina bei Adoptiveltern in Katalonien aufgewachsen ist. Mit ihrer Videokamera in der Hand und einem Tagebuch ihrer Mutter erkundigt sie nicht nur jenen Teil Galiziens, sondern auch die ihr bislang unbekannte grosse Verwandtschaft ihres Vaters: Onkel und Tanten, Cousins und Cousinen, aber auch Grossvater und Grossmutter väterlicherseits.

Die Suche nach dem erwähnten standesamtlichen Nachweis, bei der sie ein Onkel unterstützen will, gerät dabei zusehends in den Hintergrund zugunsten des Eintauchens in Teile der Familiengeschichte. Die Fragen nach ihren Eltern werden unterschiedlich beantwortet, je nachdem wer gefragt wird, oder bleiben ganz ohne Antworten. Das geht so weit, dass offenbar ihr Grossvater auf dem Zivilstandsamt hatte eintragen lassen, sein Sohn, Marinas Vater, habe keine Kinder gehabt. Aufgrund der Auskünfte, die sie bekommt, sowie der Tagebuchnotizen ihrer Mutter versucht Marina, sich ein Bild ihrer Eltern zu machen, wenn auch dies immer nur eine Annäherung sein kann. In traumartigen Sequenzen werden wir mit ihren Eltern konfrontiert, wobei Marinas Mutter von der gleichen Schauspielerin gespielt wird wie Marina – ab und zu wird ihr gesagt, sie gleiche ihrer Mutter sehr, während die abweisende Grossmutter dies resolut verneint. Und Marinas Vater wird von jenem Schauspieler verkörpert, der auch ihren Cousin Nuno spielt.

Der Film kann unter dem Aspekt der Rekonstruktion einer Familiengeschichte gesehen und besprochen werden. Hier liegt seine Stärke. Es ist eindrücklich, wie Marina in der Auseinandersetzung mit ihrer Verwandtschaft ein Puzzleteil nach dem anderen zusammensetzt und dabei ein Bild ihrer Eltern bekommt, das nicht nur erfreulich oder ermutigend ist. Vor allem stösst sie auf Familiengeheimnisse, wie sie in vielen Familien verborgen sind, auch auf die damit verbundenen Tabuisierungen, auf Verschweigen, Schmerzen, Verwundungen oder Scham und insgesamt auf eine Überforderung der Betroffenen.

Im Gegensatz etwa zu Judith Hermanns kürzlich erschienenem Buch «Ich möchte zurückgehen in die Zeit», einer Annäherung an die SS-Vergangenheit des Grossvaters der Autorin, geht es in Carla Simóns Film um die Abgründe einer Heroinsucht und um das Sterben aufgrund einer Aids-Erkrankung. In beiden Fällen wurde ein Mantel des Schweigens über das Vorgefallene bzw. die betroffenen Personen ausgebreitet. Es darf nicht sein, was nicht sein darf. «Jeder starb damals hinter verschlossenen Türen», lautet ein zentraler Satz, mit dem ein Onkel von Marina die damalige Zeit charakterisiert. Insofern handelt es sich nicht nur um einen individuell-biographischen Film, sondern um eine kollektive Erinnerung an eine Generation der achtziger Jahre in Spanien: In der Phase nach Ende der Diktatur von Franco haben junge Menschen die wiedergewonnen Freiheiten zelebriert, verbunden mit dem Konsumieren von Heroin (wofür Vigo ein Hotspot war), mit dem Ausleben von Sexualität, mit dem Wunsch, aus einer beengenden Region in die weite Welt auszubrechen, dabei aber auch den tödlichen Folgen ausgeliefert, die vor allem der Heroinrausch nach sich zog. Dies in einem nach wie vor von der katholischen Kirche besetzten, konservativ ausgerichteten Umfeld.

Die spanische Filmautorin und Regisseurin Carla Simón (geboren 1986) hat in ihrem Werk autobiographische Erfahrungen einfliessen lassen. So hat sie selber ihre Eltern in früher Kindheit durch Aids verloren und ist bei Onkel und Tanten aufgewachsen. Sie hat nicht ein Tagebuch ihrer Mutter als Grundlage für den Film genommen, aber Briefe, die jene an Verwandte und Bekannte adressiert hatte. «Romería» (in Deutschland wird der Film mit dem Zusatz «Das Tagebuch meiner Mutter» laufen) ist insofern der Abschluss einer Trilogie, als auch hier Teile der eigenen Familiengeschichte zugrunde gelegt wurden. Vorab realisierte Carla Simón die preisgekrönten Filme «Fridas Sommer» (2017), auch bekannt unter dem Titel «Sommer 1993» und «Alcarràs – Die letzte Ernte» (2022).

Der Film schwächelt dort, wo er mit einzelnen Aufnahmen der Landschaft um Vigo etwas ins Kitschige abdriftet bzw. (zu) viele Aufnahmen des Meeres, auf dem Wasser und unter der Wasseroberfläche, aufweist. Vielleicht ist dies dem touristischen Blickwinkel Marinas geschuldet, die mir ihrer Handkamera festhält, was ihr vor die Linse kommt und sie offensichtlich fasziniert. Zudem hätte die eine oder andere Szene ohne Schaden gekürzt oder weggelassen werden können.

Insgesamt handelt es sich jedoch um einen spannenden Film, der zum Nachdenken und Nachforschen über die eigene Familiengeschichte und die damit verbundenen Höhen und Tiefen anregt. Dies ist durchaus auch ein spiritueller Prozess, der auf das zielt, was einen Menschen ausmacht, was er in sich trägt (allenfalls ohne es zu wissen), welches seine Wurzeln sind und was in seinem Umfeld zu unterschiedlichsten Reaktionen führen kann und konnte. Interessant ist auch die Frage «Was wäre wenn …?», die als Motto für einen der fünf Tage, denen der Film folgt, dient: «Was für ein Mensch wäre ich geworden, wenn ich in der Familie meines Vaters aufgewachsen wäre?», fragt sich Marina. Oder: «Wenn in den Adern das selbe Blut fliesst, gehört man dann zur gleichen Familie?»

Der Titel des Films, «Romería», ist insofern gut gewählt, als der Begriff vor allem im Süden Spaniens eine Wallfahrt oder Pilgerreise zu einem Heiligtum, zu einer heiligen Person bezeichnet – einen Weg also zum Innersten, ohne zu wissen, was am Schluss auf einen wartet. Im Norden Spaniens ist «Romería» zudem der Name für ein Volksfest, was im Film ebenfalls zum Tragen kommt. Lehrreich ist der Film insofern, als er vor Augen führt, wie eine schwierige Familiengeschichte offengelegt werden kann, ohne dass die damaligen Protagonist:innen in ihrem Tun romantisiert oder verklärt werden, aber auch ohne dass ihr Handeln verteufelt wird und sie an den Pranger gestellt werden. Vielmehr begegnen wir in Carla Simóns Film in dieser Hinsicht einer wohltuenden Nüchternheit.

Hermann Kocher

Regie: Carla Simón
Spanien/Deutschland 2025; 114 Min.
Besetzung: Llúcia Garcia (Marina und Mutter von Marina), Mitch Martín (Nuno und Vater von Marina), Tristán Ulloa (Lois) u.a.
Kamera: Hélène Louvart
Musik: Ernest Pipó
Sprache: Spanisch, katalanisch, französisch / deutsche und französische UT

Im Kino ab 16. April 2026