
11.05.2026
La Beauté de l'âne
Die Aufnahmen, in denen Asllan die Gegend abschreitet, in denen sich nur noch erahnen lässt, was dort früher mal stand, gehen nahe: Vieles wurde zerstört, was bleibt, sind nur noch Erinnerungen und Gräber, soweit die Leichen der Ermordeten überhaupt geborgen werden konnten. Das ehemalige Haus der Familie, von dem nichts übriggeblieben ist, wird notdürftig mit einem Holzgerüst rekonstruiert. Sichtbar wird dabei nicht nur das Zusammenstehen der dörflichen Gemeinschaft. Die Rekonstruktion wird auch zum Symbol für das Vergängliche, Temporäre, Durchlässige. Spannend sind die leeren Bilderrahmen, die an den «Hauswänden» im Wind flattern. Wo sind die Menschen geblieben, die hier eigentlich mit Fotos abgebildet werden sollten?
Überlebende des Krieges und nachgeborene Kinder und Jugendliche inszenieren, was das Dorf an Kriegsgräueln zu erleiden hatte. Das Filmprojekt wird insofern zu einer Art therapeutischen Erfahrung für die ganze Dorfgemeinschaft, wobei der Wille der Bewohnenden, Zukunft zu gestalten, eindrücklich erfahrbar wird. Im Zentrum steht allerdings die Konfrontation Asllans mit seiner Geschichte, die bei ihm Fragen zu seinem eigenen Handeln weckt und auch Gefühle von Schuld provoziert, da seine im Kosovo verbliebene Mutter offensichtlich verschleppt und ermordet wurde, ohne dass die genaueren Umstände bekannt sind. «Was wäre, wenn ich geblieben wäre», so fragt Asllan sich. Öfters kommt auch Dea als Regisseurin ins Bild (als Seconda geht es schliesslich auch um ihre Geschichte, ihre Wurzeln, ihre Herkunft), wodurch wir sozusagen zu Zeuginnen und Zeugen der Entstehung des Films werden. Ab und zu greift auch ihr Vater in die Regie ein, wenn er seine Vorstellungen aufgrund seiner Erinnerungen umgesetzt sehen will.
Die 1993 geborene schweizerisch-albanische Regisseurin Dea Gjinovci hat einen Film vorgelegt, der unter die Haut geht. Er wurde an verschiedenen Filmfestivals gezeigt, darunter 2026 an den Solothurner Filmtagen und am Human Rights Film Festival Zürich, wo das Werk mit dem «Prix Célestine» von Interfilm Schweiz ausgezeichnet wurde. Etwas ratlos lässt den Zuschauenden die «Schönheit des Esels», der Titel des Films, zurück. Ein Esel hat zwar zu Beginn und am Ende des Films einen kurzen Auftritt, seine Bedeutung bleibt jedoch unklar: Ist er der Beobachter des Geschehens aus Distanz? Schafft er die (bleibende) Verbindung über die Generationen hinweg? Bringt er Ruhe ins aufwühlende Geschehen?
Angesichts der Fragen, die bezüglich der Vorgänge im Kriegsgeschehen der neunziger Jahre bei den Betroffenen offen bleiben, beziehungsweise des ungeklärten Schicksals Verschollener, kann der Film im Zusammenhang mit Erfahrungen von Verlust, von «Leerstellen» und Abwesenheiten, besprochen werden. Dea Gjinovci hat keinen Film darüber geschaffen, wie Versöhnung geschieht. Aber sie hat Wege aufgezeigt, wie Verkrustungen aufgeweicht werden können und wie dort, wo alles wie gelähmt schien (so Asllan einmal), über Erinnerungen und das Zulassen von Emotionen Zukunft in den Blick kommen kann – individuell und kollektiv als Gemeinschaft.
Hermann Kocher
Regie und Drehbuch: Dea Gjinovci
Schweiz 2025; 75 Min.
Besetzung: Asllan Gjinovci, Dea Gjinovci
Sprache: OV Albanisch und französisch / deutsche UT
Im Kino ab 21. Mai 2026, div. Vorpremieren in Anwesenheit der Regisseurin, z.B. in Bern (Kino Rex, Montag 11. Mai, 18.00 Uhr), Zürich (Kino Riffraff, Freitag 15. Mai, 18.20 Uhr) oder Basel (KultKino, Auffahrt, 14. Mai, 18.00 Uhr).
