À voix basse (Mit leiser Stimme)

01.07.2026

À voix basse (Mit leiser Stimme)

Ein Flugzeug, gestartet in Paris, befindet sich im Sinkflug Richtung Karthago in Tunesien. An Bord sind die ursprünglich aus Tunesien stammende Lilia und ihre Partnerin Alice. Die Augen und der Gesichtsausdruck von Lilia (in tollen Nahaufnahmen festgehalten) drücken Besorgnis, ja Angst aus über das, was sie erwartet. Alice scheint eher unbekümmert, neugierig auf ein bisher für sie unbekanntes Land mit für sie ungewohnter Kultur. Alice muss in Sousse, wohin die Reise führt, ein Zimmer in einem Hotel beziehen, da die Familie von Lilia nichts von der Beziehung der beiden Frauen weiss, nichts davon wissen darf.

Der Grund, warum Lilia nach langer Zeit wieder einmal ihre Geburtsstadt Sousse und vor allem ihre Herkunftsfamilie besucht, ist ein Todesfall. Gestorben ist ihr Onkel Mohammed-Ali, von allen Daly genannt. Gedreht wurde unter anderem im Wohnhaus und mit Möbeln der Grossmutter der Regisseurin. Beeindruckend dabei ist das Spiel mit Farben und Hell-Dunkel-Kontrasten: Das Innere des Hauses erscheint zumindest anfänglich in düsteren Farben, wobei gelb, blau und rot dominieren. Im Gegensatz dazu wird Sousse in glänzendem (weissen) Licht gezeigt und die Pflanzen rund um das Wohnhaus in kräftigem Grün. Räume, Gegenstände und Rituale wecken Kindheitserinnerungen in Lilia, Faszination und Befremden zugleich. Solche Erinnerungen werden auch filmisch ab und zu inszeniert, so anhand eines Blickes in den Rückspiegel im Mietauto, worauf Lilia als Kind mit anderen Kindern zusammen auf der Rückbank scherzend sichtbar wird.

An sich hat sich Lilia in Paris gut etabliert. Sie arbeitet als Ingenieurin, darf sich mit ihrer Partnerin in der Öffentlichkeit zeigen. Nun wird sie wieder mit ganz anderen kulturellen Gegebenheiten konfrontiert. Das Haus füllt sich über Tage mit Menschen, räumlich getrennt nach Frauen und Männern, die durch ihren Besuch dem Verstorbenen die letzte Ehre erweisen bzw. ihre religiösen Pflichten während der Trauerzeit erfüllen. Über allen liegt ein merkwürdiges Schweigen, das nicht nur mit dem Anlass, einem Todesfall, zu erklären ist. In der Familie selber wird abgeblockt, wenn es um Fragen nach dem Leben und Sterben von Daly geht (den man offenbar nackt auf der Strasse liegend vorgefunden hat). Der Film legt sehr rasch offen, worin das Tabu besteht: der Homosexualität von Daly.

In jenem Haus versammeln sich drei, manchmal sogar vier Generationen (prägend sind dabei vor allem die resolute Grossmutter bzw. Mutter von Daly sowie die Mutter von Lilia, eine Schwester Dalys). Hier wird getuschelt, wenn die Rede auf Daly kommt. Man spricht «À voix basse» («Mit leiser Stimme», wie der Film in Deutschland betitelt wird). Man könnte auch sagen: Im Flüsterton, mit unterdrückter Stimme. «Man muss es verstecken, das ist die Lösung», so belehrt eine Tante Lilia einmal. Diese Haltung ist insofern nachvollziehbar, als in Tunesien homosexuelle Beziehungen unter Männern nach wie vor unter Strafe stehen (ein 1913 von den Franzosen eingeführter Gesetzesartikel, der bis zu drei Jahre Haft für sexuelle Handlungen unter Männern vorsieht, ist bis heute in Kraft). Anders verhält es sich mit lesbischen Beziehungen. Diese werden nicht ernst genommen. Als Lilia fordert, man solle doch auch sie verhaften, wenn man ernsthaft gegen Homosexuelle vorgehen wolle, löst dies beim angesprochenen Polizisten höchsten Irritation oder Spott, ja Desinteresse aus.

Zur Fortsetzung des Films, der die Geschehnisse der folgenden Tage dokumentiert, sei nur so viel festgehalten: Lilia kämpft dafür, dass Licht in das Dunkel über dem Leben und Sterben von Daly gebracht wird. Sie sucht Bars auf, in denen Daly verkehrte. Sie kontaktiert ehemalige Bekannte von ihm (und stösst auch da auf grosse Zurückhaltung, die Dinge beim Namen zu nennen). Sie rekonstruiert Teile von dessen Lebensgeschichte. So sehen wir Fotos von der Hochzeit Dalys. Eine Ehe wurde ihm von der Familie aufgezwungen, und er hat sich wohl um des Friedens willen diesem Wunsch unterzogen. Der verzweifelte Blick Dalys auf den Hochzeitsfotos macht betroffen und zeigt, welchem Druck Daly in dieser Situation standhalten musste.

Zum weiteren Geschehen darf auch noch verraten werden, dass immer mehr die Beziehung zwischen Lilia und Alice zum Thema wird. Die Vorkommnisse in Lilias Familie stürzen auch die beiden in eine Krise. Lilia erkennt zunehmend, wie stark jene Tabuisierungen und die damit verbundenen Konflikte in ihrem Familiensystem auch ihren Weg geprägt haben und was es bedeutete, dass sie selber, was ihre Beziehung angeht, zu jenem Verschweigen beigetragen hat.

Die Ausgangslage zur Geschichte ist an sich nicht originell. Das Motiv, dass eine Person wegen eines Todesfalls zur Herkunftsfamilie zurückkehren muss und dort mit schwierigen Aspekten des Familiensystems konfrontiert wird, begegnet in Filmen der letzten Jahre häufiger. Die Regisseurin Leyla Bouzid (*1984) stammt selber ursprünglich aus Tunesien. Sie lebt heute in Paris, wo sie auch Literaturwissenschaften sowie Film und Regie studiert hat. Mit ihrem dritten Langspielfilm ist es ihr gelungen, trotz des als Auslöser für die Story bekannten Motivs Interesse zu wecken. Dies dank der erwähnten Vertiefung auf die Frage, inwiefern die in der Familie tabuisierten Themen und Geheimnisse weiterhin auch das Leben eines Menschen bestimmen, der sich eigentlich von jenem Familiensystem gelöst hat. Der Film wird hier zum Appell an die Zuschauenden, sich zu überlegen, was an Unausgesprochenem allenfalls ihr Leben geprägt hat und inwiefern sie sich davon befreien wollen.

Neu ist auch, dass Leyla Bouzid eine lesbische Beziehung in einem tunesischen Kontext darstellt. Spannend ist schliesslich auch die Erkenntnis, dass es in solch patriarchal geprägten Ländern offenbar vor allem Frauen sind, die sich für eine Aufweichung und Überwindung solch lebensfeindlicher Strukturen einsetzen. Dies gilt nicht nur für Lilia, sondern auch für ihre Mutter, die sich, ohne dass dies Lilia bewusst war, in früheren Jahren an die Seite Dalys gestellt hat und schliesslich zumindest mit einem Lächeln auch die Sympathie für ihre Tochter ausdrückt. «À voix basse» wurde zurecht 2026 im Wettbewerb der Berlinale gezeigt und im Pink Apple-Filmfestival von Zürich mit dem Publikumspreis ausgezeichnet.

Hermann Kocher

Regie: Leyla Bouzid
Frankreich/Tunesien 2026; 113 Min.
Besetzung: Eya Bouteraa (Lilia), Marion Barbeau (Alice), Hiam Abbass (Mutter Wahida), Salma Baccar (Grossmutter Mamie Néfissa)
Sprache: Arabisch und Französisch / deutsche UT
Verleih: www.cineworx.ch

Im Kino ab 16. Juli 2026