Der spezielle Film

UNTIL TOMORROW

© Xenix Filmdistribution GmbH

«Bis morgen», nur bis morgen sollte jemand Fereshtehs zwei Monate altes Baby beaufsichtigen. Das stellt sich aber als schwieriger heraus als gedacht. Die einen wollen nicht, weil sie in beengten Verhältnissen leben, andere, weil sie nicht in ein schiefes Licht oder in einem Klima der Verunsicherung und Überwachung in Gefahr geraten möchten, indem sie Fereshteh unterstützen. Diese hat nämlich ein uneheliches Kind, was im heutigen Iran nach wie vor ein Grund für gesellschaftliche Ächtung zu sein scheint. Auch der Vater (oder besser gesagt: Erzeuger) des Kindes drückt sich, da seine Vaterschaft sonst auskommen könnte, was zur Folge hätte, dass sein Vater ihn von Haus und Arbeitsstelle wegjagen würde. Er beklagt sich stattdessen erneut darüber, dass Fereshteh seinem Rat, das Kind abzutreiben, nicht gefolgt ist. So erleben wir einen Tag lang die Odyssee von Fereshteh und ihrer taffen Freundin Atefeh, die immer auch wieder Zuversicht ausstrahlt, durch Teheran – zu Fuss, per Bus und Taxi oder auf dem Rücksitz des Mopeds des Kindsvaters, von einer ernüchternden Zurückweisung zur anderen.

Auslöser für diese Irrfahrt ist ein überraschender Besuch der Eltern von Fereshteh bei ihrer Tochter. Sie wollen einen verunfallten Verwandten im Spital besuchen und melden sich deshalb kurzfristig für den Abend an. Dass diese alleinerziehende Mutter eines ausserhalb einer Ehe geborenen Mädchens ist – und sie selber Grosseltern sind −, wissen sie nicht und dürfen sie nicht wissen. Das hätte für Fereshteh und vermutlich auch für die Familie als Ganze schlimme Folgen. Ein uneheliches Kind zur Welt zu bringen, steht diametral zum dort geltenden Moralkodex. So muss das Baby für eine Nacht ausserhalb von Fereshtehs Wohnung untergebracht werden, und mit diesem alles, was die Existenz eines Kleinkindes verraten könnte, von den Windeln bis zur Babynahrung.

Der Film ist strikt linear aufgebaut. Die (Hand-)Kamera verharrt lange bei einzelnen Einstellungen. Ansprechend ist die Farbkomposition, mehrheitlich in roten, blauen und braunen Tönen gestaltet. Der Film mag ausser bei der Schlussszene wenig Überraschendes enthalten. Trotzdem lässt er mich als Betrachtenden nicht kalt. Im Gegenteil: Ich bewundere Fereshteh, wie sie sich neben ihrer Arbeit in einer Druckerei um ihr Baby kümmert. Ich leide mit bei der hektischen Suche unter Zeitdruck nach einer «Herberge» für das Kind (der Film begleitet diese einen Tag lang), verbunden mit der zunehmenden Ohnmacht Fereshtehs. Und ich spüre Wut darüber, wie eine junge Frau und Mutter aufgrund gesellschaftlicher Normen, gesetzlicher und moralischer Vorgaben, die ich nicht nachvollziehen kann, im Stich gelassen wird. Jener Ärger wird insofern noch grösser, da der Chefarzt eines Spitals versucht, Fereshtehs Notlage zur Befriedigung seiner sexuellen Bedürfnisse auszunutzen. Dass Fereshteh in ihrer Mutterliebe tragfähige Beziehungen (vor allem zu ihrem Kind) höher gewichtet als die Unterwerfung unter die der Gesellschaft aufoktroyierten Konventionen, berührt mich. Und es macht Mut angesichts des gegenwärtigen Aufbegehrens gegen ein traditionelles patriarchales Wertesystem im Iran.

«Until tomorrow» ist ein wichtiger Beitrag bezüglich der Rechte von Frauen und der gesellschaftlichen Ächtung einzelner Menschen oder Gruppierungen im Iran, die ausserhalb der vorgesehenen familiären Strukturen leben. Markant in diesem Zusammenhang ist der Satz, den Fereshtehs Freundin angesichts all der Rückschläge einmal fallen lässt: «Du könntest ja zum Parlament fahren und darum bitten, dass die Gesetze bezüglich Frauen geändert werden.»
Ali Asgari legt mit «Until tomorrow» nach dem thematisch verwandten Film «Disappearance» (2017) seinen zweiten Langspielfilm vor. Die Hauptrolle, beeindruckend inszeniert, wird auch da wieder von seiner Nichte Sadaf Asgari gespielt. Weltpremiere feierte der Film in der Panorama-Sektion der letztjährigen Berlinale. Im Zürcher Filmfestival wurde er zudem mit einer «Lobenden Erwähnung» ausgezeichnet.
Hermann Kocher

«UNTIL TOMORROW»; Iran, Frankreich, Qatar 2022; 86 Min.; Regie: Ali Asgari; Darsteller:innen: Sadaf Asgari (Fereshteh), Ghazal Shojaei (Atefeh), Babak Karimi (Chefarzt Mahmoudi), Amirreza Ranjbaran (Yaser, Vater des Kindes); Verleih: Xenix, Zürich.
Startdatum im Kino: 26. Januar 2023