Kirche und Film
Interview

Kirche und Film

Im Film berühren sich Himmel und Erde

Eine gekürzte Version des folgenden Textes wurde publiziert in "reformiert.", Ausgabe Oberemmental, Dezember 2015, 15.

Buona visione!
Kirche und Film

Im Film berühren sich Himmel und Erde

Bescheiden waren sie nicht, die Pioniere des Kinos. Beziehungsweise der Lichtspielhäuser, Lichtspieltheater oder Filmpaläste, wie jene Lokalitäten einst genannt wurden. Da ging es um etwas Grandioses: um einen Vorstoss in andere Dimensionen, in unbekannte Welten, in Sphären jenseits des Alltags. Noch heute erinnern Namen von Kinos in unserem Kanton an dieses Selbstverständnis. Da finden wir Anklänge an Zufluchtsorte (wie die spanische Stadtburg „Alhambra“), an die Götterwelt der Antike (Capitol und Apollo), an königliche Welten oder prunkvolle Bauten (Royal, Rex, Roxy, Krone, Splendid, Palace oder Scala), an Sternstunden der Geschichte (Bubenberg), an markante Landschaften (Gotthard und Jura) oder an ein urbanes Lebensgefühl (City).
Es mag sein, dass viele Menschen heute Filme als reinen Zeitvertrieb oder Nervenkitzel konsumieren. Und dass Multiplex-Kinos vor allem auf den Geschmack eines Massen-Publikums ausgerichtet sind. Aber sogar dort kann es passieren, dass Menschen in tieferen Dimensionen berührt und erschüttert werden und das Kino anders verlassen, als sie es betreten haben. Charles Martig bringt es auf den Punkt: „Mit dem Filmbesuch wird der Alltag unterbrochen, es ereignen sich Momente der Verdichtung von Erfahrungen, die uns stark bewegen. Insofern ist das Kino auch ein Ort der religiösen Erfahrung." Letzteres wird dadurch schön illustriert, dass in Arlesheim das „Cinema Paradiso“ im Rahmen eines sommerlichen open-air-Kinos auf den Dorfplatz (hinunter-)geholt wird. Im Film begegnen sich Himmel und Erde, Gott und Mensch, Religiöses und Säkulares.
Religiöse Offenbarung ohne Religion
Es erstaunt denn auch nicht, dass in den letzten Jahren immer wieder die These zu hören war, was sich früher im Gottesdienst ereignet habe, sei in den Film ausgewandet. Das Kino sei sozusagen an die Stelle der Kirche getreten. Unbestreitbar richtig ist, dass Filme oft gespickt voll sind mit Anklängen an religiöse Fragen oder Traditionen. Zum Teil vordergründig (etwa dann, wenn Pfarrerinnen oder Pfarrer in einer Handlung zentrale, wenn auch nicht immer rühmliche Rollen spielen). Meist aber unterschwellig, versteckt. Georg Seeßlen charakterisiert es so: „Jeder Film ist eine religiöse Offenbarung ohne Religion, ein Wunder, ohne dass der Name Gottes genannt wird, und das Kino ist ein Tempel für einen unbekannten Gott, für Götter auf der Durchreise sozusagen, die nicht einmal ihre Namen hinterlassen.“
Filme führen uns in einem allenfalls durch und durch säkularen Umfeld Konstellationen vor Augen, die fundamental religiös geprägt sind. Da geht es um Glück und Unglück, Liebe und Leid, Leben und Tod, Versagen und Schuld oder gerade um Menschen, die die Bestimmung ihres Lebens erkennen und entfalten. Wir werden Zeugen des (endzeitlichen) Kampfes zwischen Gut und Böse. Wir werden zu Tränen gerührt, wo Menschen im Kampf ums Überleben unterliegen. Oder gerade dort, wo Männer, Frauen oder Kinder ihren Lebenstraum verwirklichen dürfen. Wir träumen mit offenen Augen, wo uns in grandiosen Bildern Visionen gemalt werden, eine Ahnung davon, wie Leben auch noch sein könnte. Anders gesagt: Wo wir uns auf die Tiefendimensionen eines (guten) Films einlassen, dürfen wir damit rechnen, Gott dort zu begegnen, wo wir ihn vielleicht gar nicht erwarten würden.
Kirche und Kino, Gottesdienst und Film sollen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Um die in Filmen thematisierten Grundfragen der menschlichen Existenz geht es auch in unseren Predigten. Das Handeln Gottes, die Beziehung zwischen Gott und Mensch und deren mehr oder weniger gelungene Umsetzung im Alltag entspricht dem Film. Und die Kirche wäre dann sozusagen das Dorfkino, in dem jener Film läuft. Unbestritten ist, dass der Film mit seinen bewegten Bildern über Möglichkeiten verfügt, die über das gepredigte Wort hinausgehen. Er dient als wichtige Ergänzung oder hilfreiche Veranschaulichung. Er kann zum „Co-Prediger“ werden. Nicht nur dort, wo in sogenannten Filmgottesdiensten Sequenzen aus Filmen Teile der Predigt ersetzen bzw. illustrieren. Der Film kann, wenn er in unser wortzentriertes kirchliches Milieu einbricht, durchaus auch ein Korrektiv unserer Art der „Auslegung“ des göttlichen Wortes sein.
Fenster zur inneren und äusseren Welt
Als Weiterbildungsbeauftragter musste ich mich öfters rechtfertigen dafür, dass in meinem Programm regelmässig Filmkurse zu einem bestimmten Thema oder Weiterbildungen an Filmfestivals (vor allen in Locarno und Lübeck) figurierten. Ich fand und finde dies zentral wegen des oben Erwähnten: Die Aufgabe besteht darin, die versteckten religiösen Dimensionen in Filmen „lesen“ zu lernen, im kollegialen Kreis zu diskutieren und zu vertiefen. Dazu kommt ein Zweites: Filme unterstützen Pfarrerinnen und Pfarrer darin, Zeitgenossinnen und Zeitgenossen zu bleiben. Sie sind ein Spiegel der Gegenwart, eine Zeitansage für unsere Gesellschaft. Sie dokumentieren in verfremdeter oder verdichteter Form, was Menschen heute bewegt. Dies wahrzunehmen ist fundamental, um jene Menschen zum Beispiel im Rahmen der Seelsorge begleiten zu können. "Filme sind für Seelsorgerinnen und Seelsorger als Fenster zur inneren und äusseren Welt ein unverzichtbares Instrument“, hat ein Kursteilnehmer einmal formuliert.
Jenes Fenster zur inneren und äusseren Welt darf und soll sich selbstverständlich für alle öffnen. Hier ist der schweizerische Zweig von „Interfilm“ am Werk, für den wir in Langnau ab und zu eine Kollekte einziehen. „Interfilm“ zeichnet an Filmfestivals Filme aus, die gerade in religiöser Hinsicht erhellend und wertvoll sind. Um die Begegnung zwischen Gemeinde und Film zu erleichtern, veranstalten viele Kirchgemeinden „Kirchenkinos“, so auch in Langnau über die Wintermonate. Dass diese Filme im Kirchenraum gezeigt werden, obwohl die Bänke härter sind als die Kinosessel, ist nicht zufällig. Es dokumentiert die innere Verwobenheit von Film und Religion. Vor allem aber ermöglicht der anschliessende „Schlummertrunk“ den Austausch über das Gesehene und Erlebte. Es ist schon so: Filme rufen danach, in Gemeinschaft geschaut und besprochen zu werden. Ein Film endet letztlich nicht mit seinem Abspann. Zu seinem Ende und Abschluss kommt er in der Begegnung mit den Zuschauenden, in dem, was jene nach den 90 oder mehr Minuten daraus machen.
In diesem Sinne: „Buona visione!“, wie die Überleitung zu den Filmen am Filmfestival von Locarno traditionell abgeschlossen wird. Ganz pragmatisch zu verstehen als gute, pannnenfreie Vorführung. Ineinem weiteren Sinn aber durchaus auch als gute Sicht, Einsicht, Aussicht oder Fernsicht.


Pfr. Dr. Hermann Kocher, Langnau