2021

52e Visions du Réel Nyon

Bildnachweis: Cineuropa

So virtuell wie nötig und so physisch wie möglich

Die Art und Weise der Durchführung des diesjährigen Filmfestivals Visions du Réel vom 15.-25. April war lange Zeit ungewiss. Voller Optimismus versprach Festivaldirektorin Emilie Bujès letztes Jahr glaubwürdig, alles daran zu setzen, das Festival dieses Jahr wieder physisch durchzuführen. Während die einen oder anderen Festivals ihre Durchführung im Laufe des Winters pandemiebedingt absagten oder die Terminplanung änderten, hielt Nyon denn auch an der ursprünglichen Planung fest, im Bewusstsein, dass eine Durchführung bestenfalls in einer bloss hybriden und nicht in der ursprünglichen Form möglich sein würde. Es verlängerte nur die Dauer des Festivals auf die Zeit vom 15.-25. April 2021.

Die online erfolgte Eröffnung und die ersten Tage des Festivals fanden nur unter erheblichen Einschränkungen statt. Immerhin konnte neben dem lokalen jungen Publikum (Schulklassen) und Studierenden eine zahlenmässig limitierte Anzahl professioneller Festivalbesucher Filme in den Kinos von Nyon sichten. Für alle anderen waren die Vorführungen bloss online zugänglich, wobei zusätzlich galt, dass die Filme nur in der Schweiz abrufbar waren, mit der Ausnahme eines via Akkreditierung ermöglichten Zugangs. Angesichts der nach wie vor geltenden Einschränkungen «haben wir für das Festival eine digitale Form gefunden, die dem Publikum und Fachpersonen einen sicheren Zugang zu den kühnen und einzigartigen Werken  ermöglicht, die für das 52. Festival ausgewählt worden sind», schrieb Raymond Loretan, der Präsident des Festivals, zur Eröffnung.

Dann war plötzlich war alles anders: Entgegen aller bisherigen Informationen sah Festivaldirektorin Emilie Bujès ihren hoffnungsvollen Optimismus belohnt, und es gab merkwürdige Koinzidenzen: Einen Tag bevor Bundesrat Alain Berset am 15. April anlässlich der Eröffnung des Festivals seine Grüsse als «Kulturminister» noch virtuell überbrachte, hatte er vorgängig als «Gesundheitsminister» an einer schweizweit erwarteten Medienkonferenz für die folgende Woche Lockerungen von Corona-bedingten Vorsichtsmassnahmen bekannt gegeben und u.a. auch die Wiedereröffnung der Kinos signalisiert. Das Festival liess mit der Verbreitung seiner Schlussfolgerung nicht lange auf sich warten: 

«Als erstes Festival der Schweiz (und als eines der ersten weltweit) können wir Schritte in die ‹Normalität› zurückmachen. Wir sind überglücklich, in der zweiten Festivalhälfte unser Publikum wieder vor Ort empfangen zu können», freute sich Emilie Bujès, ganz nach der Devise von Festivalpräsident Raymond Loretan: «So virtuell wie nötig und so physisch wie möglich». Im Prinzip hätten jetzt also auch die vier Mitglieder der interreligiösen Jury, auf Wunsch des Festivals vorsorglich alle in der Schweiz domiziliert (Marie-Therese Mäder (SIGNIS, Präsidentin), Noëmi Gradwohl (Jüdisch), Majid Movasseghi (Muslimisch) und Jean-Paul Käser (INTERFILM) für vier Tage nach Nyon fahren und mit dem Publikum die Wiedereröffnung der Säle feiern können. Aber sie entschied sich für eine online-Sichtung der dreizehn Wettbewerbsfilme und täglichen Evaluierung der Filme via ZOOM, um sich dann zu gegebener Zeit auf Einladung von Brigitte Affolter zur auswertenden Schlussdiskussion und Preisentscheidung physisch in Biel treffen, was offenbar ein gelungenes Experiment war. Jedenfalls fand die Jury einen guten Draht zueinander. «Jeden Abend schlossen wir uns per Zoom zusammen und diskutierten die Ausbeute des Tages, fragten nach, wunderten uns, argumentierten und lachten – der deutlichen Schwere der Themen zum Trotz. Als wir uns schliesslich doch noch off screen trafen, zur Entscheidungsfindung in Biel, auf einer Terrasse mit befreitem Blick über die Stadt – alle selbst getestet und zum Glück negativ – ist die Freude groß, ebenso wie die Überraschung: Die Diskussionen gehen nahtlos von der virtuellen Welt in die reale Welt über, als wären wir alte Bekannte», schreibt die Jury in ihrem Bericht. 

Bei der Preisverleihung vom Samstag, 24. April, ging der Grand Prix von Visions du Réel 2021 an die amerikanisch-äthiopisch-katarische Koproduktion Faya Dayi, bei der Jessica Beshir Regie führte. Neben dem Grand Prix wurde Faya Dayiauch mit dem FIPRESCI-Preis ausgezeichnet, der bei Visions du Réel erstmals verliehen wurde.Looking for Horsesvon Stefan Pavlović gewann den Wettbewerb Burning Lights. Im Nationalen Wettbewerb wurde Nostromo von Fisnik Maxville als bester Film ausgezeichnet. Die interreligiöse Jury vergab ihren Preis mit Fr. 5'000 dotierten Preis an Little Palestine (Diary of a Siege)von Abdallah Al-Khatif (Libanon, Frankreich, Katar 2021). Mit der Verleihung des Publikumspreis des Wettbewerbs «Grand Angle» an Fleevon von Jonas Poher Rasmussen (Dänemark, Frankreich, Schweden, Norwegen, 2020) ging die trotz aller Widerstände erfolgreiche 52. Ausgabe von Visions du Réel mit 46'600 Eintritten und Sichtungen am Dienstag, 27. April zu Ende. 

Siehe auch den Bericht der Jury auf: 

Zwischen Endzeitstimmung, vergessenen Orten und digitalen Kacheln | inter-film.org

Hans Hodel

 

Visions du Réel 2021 Ökumenischer Gottesdienst

Sonntagmorgen, 18. April 2021, der ökumenische Gottesdienst kann in diesem Jahr, trotz anhaltender Pandemie seit einem Jahr, physisch in der protestantischen Kirche «Temple de Nyon» stattfinden. Gemeinsam spazieren Noëmi Gradwohl, Brigitte Affolter und Christine Ris durch die stille Innenstadt zur Kirche. Diese wundervolle Kirche aus dem 12. Jh., letztmals renoviert von 2013–2016, mit dem romanischen Chor und dem mittelalterlichen Wandbild, welches das Pfingstwunder darstellt und vom Künstler François de Ribaupierre geschaffen worden ist, beeindruckt. Wir werden durch die Leitenden des Gottesdienstes, Catherine Abrecht, Jean-Claude Dunand und David Rossé herzlich willkommen geheissen. 

Der Gottesdienst richtet seinen Inhalt alle Jahre auf die Visions du Réel aus, dergestalt, dass eine Filmsequenz im Zentrum steht, welche theologisch reflektiert und vertieft wird. In diesem Jahr sehen wir Aatos und Amine, die beiden sechsjähigen Protagonisten aus dem Eröffnungsfilm von 2019, «Gods of Moolenbeek», von Reetta Huhtanen. Die Kinder reden über alles, was sie gerade beschäftigt, zum Beispiel: Gibt es Götter und gibt es ein Jenseits? Amine glaubt an Allah und weiss, dass Jesus nicht der Sohn Gottes ist. Aatos kennt da andere Meinungen. Doch das tut ihrer Freundschaft keinen Abbruch.

Werdet wie die Kinder, mit diesem Bibelzitat verbindet David Rossé seine Predigtgedanken und zeigt, auf was es letztlich ankommt im Leben.

Wie alle Jahre stellt Claude Ruey die Mitglieder der diesjährigen Interreligiösen Jury charmant und kompetent vor: Marie-Therese Mäder (Präsidentin), Noëmi Gradwohl, Jean-Paul Käser, Majid Movasseghi.

Christine Ris, Vorstand Interfilm Schweiz