2020

51e Visions du Réel Nyon online

Den Filmemachern verpflichtet, die sich für die Präsentation ihrer Filme am Festival Visions du Réel beworben und dafür ausgewählt wurden, beziehungsweise ihren ausgewählten Produktionen verpflichtet, hat sich das Festivalteam in der Folge der Ausbreitung der Covid-19 Pandemie gerade noch rechtzeitig auf das Experiment einlassen können, das zeitgerecht geplante und definierte Programm online anzubieten –
eine Notlösung, wie Festivaldirektorin Emilie Bujès zutreffend festgestellt hat: «Ein Festival ist ein Fest und dazu gehört das Erlebnis seiner Atmosphäre, gehört das kollektive Erlebnis, die persönliche Begegnung und spontane Diskussion, eine herzliche Umarmung.» Es ist trotz geschlossener Kinos und dem reichhaltigen Streaming-Angebot von Filmen höchst schwierig, sich vorzustellen, ein virtuelles Festival könnte die Zukunft sein. Jedenfalls nicht für grosse Festivals. Das zeigte die bereits bekannte Entscheidung des Festivals von Cannes deutlich. Aber die Zukunft der Festivals bleibt ungewiss.
Die Festival-Eröffnung
Statt erst am 24. April, wie ursprünglich vorgesehen, und nicht reell im „Village du Réel“ im schönen Städtchen am Genfersee, sondern bereits am 17. April und virtuell wurde die diesjährige 51. Ausgabe des Filmfestivals „Visions du Réel“ Nyon aufgrund der durch Covid-19 verursachten Restriktionen gestartet.   «Es ist traurig, wenn man alles hier so leer sieht», kommentierte Festivaldirektorin Emilie Bujès den Entscheid angesichts des leeren Festivalplatzes und ungeschmückten Festivalgebäudes. Im Rahmen des kleinen virtuellen Eröffnungsanlasses würdigte der neue Festivalpräsident Raymond Loretan die grossen Bemühungen des Festivalteams für die kurzfristig ermöglichte Realisierung der aussergewöhnlichen Online-Edition. Ferner richteten sich Emilie Bujès sowie Vertreter und Vertreterinnen von Stadt, Kanton und Bund sowie der Hauptsponsoren an die virtuellen Besucher. Anschliessend konnte der Eröffnungsfilm «Reunited» von Mira Jargil (Dänemark 2020) exklusiv gestreamt werden. Durch den Krieg getrennt, kämpft eine in Dänemark gestrandete syrische Mutter darum, nach vielen Jahren mit ihren beiden in der Türkei lebenden Söhnen und ihrem Ehemann wiedervereint zu werden
Das interessierte Publikum konnte gratis streamen.

Nach der virtuellen Eröffnung des Festivals stand das Programm dem Publikum online und gratis zur Verfügung. «Wir bieten es gratis an, weil wir das Gefühl haben, dass online gerade sehr viele Filme angeboten werden und wir wollen sicherstellen, unseren Filmen so viele Chancen wie möglich zu geben, damit sie gesehen werden können“, begründete Emilie Bujès den Entscheid. Die Finanzierung von Bund, Kanton, Stadt und der Sponsoren in Höhe von insgesamt 3,3 Millionen Franken blieb dem Festival für 2020 erhalten und ermöglichte dieses Vorgehen. 
Die 130 Filme der offiziellen Selektion wurden in zwei Blöcken auf der Website des Festivals bereitgestellt. Der erste Teil war vom 17. bis 24. April verfügbar, darunter die Filme des Internationalen Wettbewerbs (Mittellange Filme und Kurzfilme) sowie die Sektion «Opening Scenes» (OS). Vom 25. April bis 2. Mai wurden die Filme des Internationalen Langfilm-Wettbewerbs und des Internationalen Wettbewerbs «Burning Lights» sowie die ausserhalb des Wettbewerbs programmierten Filme der Sektion «Latitudes» gezeigt. 

Preis der Interreligiösen Jury
Die von INTERFILM und SIGNIS nominierte interreligiöse Jury hat die 14 langen Dokumentarfilme im offiziellen Wettbewerb in der Zeit vom 22. bis 30. April gestreamt und animiert von ihrem Präsidenten André Joly (Lausanne) online diskutiert. Sie zeichnete den mexikanisch-amerikanischen Film „Off the Road/Fuera del camino“ von José Permar mit ihrem Preis aus. Der von Humor und Musik geprägte Film dreht  sich um die Lebenssituation der Menschen in der wüstenähnlichen mexikanischen Baja California, in der jedes Jahr ein Autorennen stattfindet, dem Tausende von Liebhaberinnen und Liebhabern folgen. Mit einer geradlinigen Herangehensweise befasst er sich mit all den Aspekten, die Gesellschaften prägen, die sich im Umbruch befinden, und fragt nach den Wurzeln, welche die persönliche und gemeinsame Identität ausmachen, nach den Beziehungen zwischen den Generationen sowie zwischen Frauen und Männern, und nach den sozialen, wirtschaftlichen und politischen Verhältnissen.
Den Hauptpreis der offiziellen Festivaljury als Bester langer Dokumentarfilm gewann „Punta Sacra“ von Francesca Mazzoleni aus Italien, den Preis für den innovativsten langen Dokumentarfilm erhielt „Anerca, Breath of Life“ von Markku und Johannes Lemuskallio aus Finnland, eine besondere Erwähnung die iranisch-philippinische Produktion „The Silhouettes“ von Afsaneh Salari.

Bericht von Hans Hodel

Links:
Website des Festivals: www.visiondureel.ch
https://www.inter-film.org/de/artikel/visions-du-reel-2020-online/8105
https://www.inter-film.org/de/artikel/doc-quarantaene-nyon/8238